Brecht im Anthropozän
Grischa Meyer
„Wir befinden uns in einem maßgeblich von der Spezies Mensch beeinflussten geologischen Zeitalter, dem Anthropozän. Das 18. Symposium der International Brecht Society reagiert auf die gegenwärtige globale Umweltkrise mit einer umfassenden, ökologisch orientierten Relektüre der Arbeiten von Bertolt Brecht. Untersucht werden soll u.a. die Rolle der Natur in Brechts Werk, das Ineinandergreifen von menschlichem und nicht-menschlichem Leben in seiner sozialen und politischen Kritik und die Bedeutung von Brechts Ästhetik und Theatermethoden für heutige ökologisch engagierte Literatur, für Kunst, Musik, Film, Theater und künstlerischen Umweltaktivismus. Können Brechts Schriften und Theaterpraxis Anhaltspunkte für einen entmystifizierten und politisch engagierten ästhetischen Umgang mit der Klimakrise bilden? Können sie als Methode für die kritische Untersuchung der Gegenwart und praktische Intervention dienen?“ (aus dem Booklet des Symposiums)
Die Ausstellung Bertolt Brechts Paper War konnte während der ganzen Woche im Foyer des David Pam Auditoriums des MacLaurin Buildings der Universität von Victoria (UVic) hängen und war so im Mittelpunkt des Ortes, an dem die Pausengespräche und das gemeinsame Frühstück stattfanden. Hier trafen sich die Teilnehmer und Gäste vor den Vorträgen und Veranstaltungen. Vor dem Beginn des Symposiums fand ein dreitägiger Workshop zum Thema Climate Disaster Survival Stories statt, dessen Ergebnis in einer Performance am 22. Juli vorgestellt wurde. Am Donnerstag, dem 23. Juli hatte Grischa Meyer, der Autor der Paper War Ausstellung, die Gelegenheit, in einer Präsentation unter dem Titel „Landscapes of Exile“ eine lecture-performance über die Reise von Bertolt Brecht und seiner Familie 1941 durch die Sowjetunion von Leningrad (heute wieder St. Petersburg) bis nach Wladiwostok zu halten. Es wurde erzählt und gezeigt, wann und unter welchen Umständen Brecht von Finnland aus wenige Wochen vor dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion in einer zehntägigen Eisenbahnfahrt mit dem transsibirischen Express mit seiner Familie und 24 Gepäckstücken an die Pazifik-Küste reiste um ein schwedisches Schiff zu erreichen, dass ihn in die USA bringen sollte.
Als Vorwort wurden von Grischa Meyer folgende Danksagungen, Entschuldigungen und Bemerkungen gemacht:
„Hallo zusammen,
zunächst einmal möchte ich mich bei der Internationalen Brecht-Gesellschaft und den Organisatoren des Symposiums dafür bedanken, dass sie unseren Vorschlag angenommen und die Ausstellung „Paper War“ eingeladen haben, die Sie alle im Foyer besichtigen können.
Ein besonderer Dank gilt auch der Rosa-Luxemburg-Stiftung und ihrem New Yorker Büro, das die Ausstellung nicht nur finanziell unterstützt, sondern auch maßgeblich zu ihrem Erfolg beigetragen hat. Der Projektleiter der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Julian Lattimore, ist heute hier bei uns.
Kris, Elena und James haben bei der Installation geholfen, die ich ohne ihre Unterstützung nicht hätte bewältigen können. Leider muss ich mich für die Abwesenheit von Holger Teschke entschuldigen. Wir hatten geplant, hier gemeinsam eine Art Dialog über Brechts Flucht nach Amerika zu führen, doch sein Arzt hat ihm von dieser Reise abgeraten. Deshalb stehe ich nun allein hier und musste mir spontan etwas einfallen lassen. Zunächst war ich mir nicht sicher, ob der folgende Beitrag überhaupt zum Konzept des Symposiums passen würde.
Brecht’s oft zitierte Zeilen – dass das Reden über Bäume ein Verbrechen sei, weil es das Schweigen über so viele Gräueltaten impliziere – haben nicht nur Heiner Müller die Gelegenheit gegeben, sie auf den Kopf zu stellen: „In Zeiten, in denen die Welt aus den Fugen gerät und die Natur selbst bedroht ist, ist das Schweigen über die Bäume – also das Ignorieren der wahren Ursachen der Zerstörung – das eigentliche Verbrechen.“ (Heiner Müller)
Wir sind also nicht nur die Opfer und Überlebenden der Klimakatastrophen, mit denen wir konfrontiert sind, sondern auch diejenigen, die dafür verantwortlich sind. Für mich bleibt die entscheidende Frage: Wie gehen wir mit dem Dilemma um, Tausende von Flugmeilen zurückzulegen, um uns hier in dieser wunderschönen Landschaft zu treffen und über diese Themen zu diskutieren?
Weniger ist mehr – dieser Satz, der zum Mantra modernistischer Designer geworden ist, hat mich als Designer stets begleitet und mich zeitweise sogar verfolgt. Auch hier kommt er mir immer wieder in den Sinn, denn die Rettung des Planeten – die Rettung vor uns selbst! – lässt sich nicht durch neue, smarte Produkte, selbstfahrende Elektroautos und energiesparende Kreuzfahrtschiffe erreichen.
Und: Nur weniger ist weniger! Nur indem wir alles reduzieren, was wir produzieren, konsumieren, kommunizieren und
uns selbst und unserer Umwelt auferlegen, könnten wir uns vor dem Schlimmsten bewahren. Zitieren wir also bei diesem Symposium auch Brecht, der 1935 auf dem Pariser Schriftstellerkongress zur Rettung der Kultur den unpopulären Satz aussprach: Lasst uns über Eigentumsverhältnisse sprechen!“
Das 18. Symposium der Internationalen Brecht Gesellschaft hat vom 22. bis 26. Juli 2026 in Victoria, Britisch Columbia, Kanada stattgefunden. Die Ausstellung Bertolt Brecht’s Paper War ist dort zu Gast gewesen.
