WM-Auftakt in Nordamerika
Julian LattimoreDie Fußball-Weltmeisterschaft 2026 in Nordamerika hat begonnen. Doch für Beschäftigte, Fans und Kommunen geht es nicht nur um die Spiele, sondern auch um steigende Kosten, Arbeitskämpfe und die umstrittenen Vorgaben der Fifa.
Der Turnierauftakt erfolgte in Mexiko, weitere Spiele folgten am Wochenende in den USA und Kanada. Dabei wird der internationale Fußballverband Fifa (Fédération Internationale de Football Association) wegen einer Reihe umstrittener Entscheidungen von Fans und Beobachter:innen massiv kritisiert. Zuletzt hatte die Fifa Berichten zufolge fast 200.000 zurückgehaltene Tickets direkt auf den Sekundärmarkt gekippt. Zudem beteiligt sich die Organisation in keinster Weise an der Finanzierung von Transportmöglichkeiten zu den Stadien; Besucher:innen dürfen keine wiederverwendbaren Wasserflaschen mitbringen. Solche Zustände versetzen Fans und Anwohner:innen in Sorge und Ungewissheit, je näher die Spieltage rücken.
Unter den internationalen Sportverbänden gilt die Fifa seit langem als die korrupteste, unflexibelste und profitgetriebenste Institution überhaupt. Dass sie für die Fans und die Gastgeberorte keine Verantwortung übernimmt, wird auch dieses Mal bei der WM 2026 deutlich. Die Austragungsorte seien selbst für öffentlichen Nahverkehr und Sicherheit zuständig, heißt es aus ihren Reihen. Aber gleichzeitig schöpft sie das Gros der Einnahmen aus Ticketverkäufen, Verpflegung und Parkgebühren ab. Auch die Host-City-Verträge der Fifa mit mit den Gastgeberstädten in den USA und Kanada weisen eine ähnliche Schieflage auf. Die vielfach von früheren Mandatsträgern unterzeichneten Abkommen begünstigen vor allem Funktionäre der Organisation sowie deren wirtschaftliche Partner. Die finanziellen Risiken und Belastungen tragen hingegen die Steuerzahler und die öffentlichen Haushalte.
Die Debatten zwischen politischen Entscheidungsträgern, Beschäftigten im Gastgewerbe und der Fifa machen die Defizite und strukturellen Probleme bei der Ausrichtung internationaler Sportereignisse sichtbar. Zugleich ergeben sich aber auch neue Handlungsspielräume für Beschäftigte und lokale Akteure, die die WM zugänglicher, bezahlbarer und sicherer machen wollen.
So setzten im SoFi-Stadion bei Los Angeles Beschäftigte zum Turnierbeginn einen neuen Tarifvertrag sowie Schutzmaßnahmen gegen Einsätze der Einwanderungsbehörde ICE durch. Die Gewerkschaft UNITE HERE Ortsverband 11 hatte zunächst mit einem Streik gedroht, konnte dann aber eine vorläufige Einigung durchsetzen, im Wortlaut: „Die vorläufige Einigung sorgt für große Lohnerhöhungen, weitreichende Arbeitsschutzregelungen und Datenschutzrechte. Hervorzuheben ist das festgeschriebene Streikrecht für den Fall, dass Aktivitäten von ICE oder der Grenzschutzbehörde am Arbeitsplatz die Sicherheit der Beschäftigten gefährden.“ Auch UNITE HERE Ortsverband 8 im pazifischen Nordwesten, der Hotelpersonal vertritt, erklärte mit ähnlichen Forderungen wie denen in Los Angeles seine Streikbereitschaft, wenn die bundesstaatliche Einwanderungspolitik Beschäftigte gefährdet. In Philadelphia sagte UNITE HERE Ortsverband 274 einen ursprünglich für 12. Juni geplanten Streik wieder ab, weil in Verhandlungen Zugeständnisse für Hotelbeschäftigte erkämpft werden konnten – für Zimmer- und Küchenpersonal über Bedienungen und Barkeeper bis hin zu Spül- und Bankettpersonal.
Die Rückkehr des Turniers in die USA nach 32 Jahren ist ein Großereignis. Deshalb erweitert sich der Verhandlungsspielraum für Beschäftigte im Stadionbetrieb sowie im Hotel- und Gaststättengewerbe. Wo Tarifverträge neu verhandelt werden müssen, sind bislang unerreichte Abschlüsse möglich. Kritische Berichte über überteuerte Tickets und stornierte Hotelkontingente erhöhen den Druck auf die Fifa. Dazu kommen der Zeitdruck zum Turnierbeginn sowie das politische Klima. Für die Beschäftigten verbessert sich dadurch die strategische Ausgangslage in den Verhandlungen, selbst wenn die Fifa jede direkte Verantwortung zurückweist. Der Verband und die mit ihm verbündeten Politiker versuchen das Turnier als Ereignis mit außergewöhnlichem wirtschaftlichem Potenzial zu verkaufen. Sie stellen es als einmalige Gelegenheit für Wirtschaftswachstum und hohe Zusatzerträge dar. Gastgeberländer versprechen sich ihrerseits steigende Einnahmen aus dem Tourismusgeschäft sowie positive Quartals- und Jahresprognosen. Zum Standardrepertoire internationaler Sportwettbewerbe gehört zudem das Versprechen auf „neue Arbeitsplätze“ und auf großangelegte Infrastrukturprojekte. Doch bei der WM 2026 fällt die Maske endgültig: Die Rechnung zahlen vor allem die Steuerzahler:innen vor Ort, während der Großteil der Gewinne an die Fifa und die mit ihr verbundenen Konzerne fließt.
Um die Kosten für die Steuerzahler:innen zu reduzieren, kauften gastgebende Stadtverwaltungen und Landesregierungen in den USA und Kanada Tickets direkt von der Fifa auf und verkauften sie weiter. Die Stadtverwaltungen von Toronto und Vancouver verkaufen entsprechende Ticketpakete an Unternehmen und Großspender. Die Berichterstattung über Rekordpreise bei Eintrittskarten hatte zunächst einen gewissen Werbeeffekt. Doch aktuelle Berichte über das gescheiterte Ticket-Release-System und die hohen Ticketpreise lassen Zweifel an dessen Profitabilität aufkommen. New York und New Jersey vergaben Ticketkontingente über Lotterien oder gezielt an bestimmte Bevölkerungsgruppen. New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani kündigte die Vergabe von 1.000 Eintrittskarten zum Preis von 50 Dollar für Einwohner:innen der Stadt an, einschließlich kostenloser Hin- und Rückfahrt mit dem Bus zum Stadion. Der Bundesstaat New Jersey stellte 770 Bewohner:innen, die sich in Community-Organisationen engagieren, Gratis-Tickets zur Verfügung. Die Eintrittskartenpreise sind zwar zurückgegangen, aber doch noch teuer. Und die Befürchtung, dass Spiele vor fast leeren Rängen stattfinden würden, bewahrheitete sich bereits am Eröffnungstag in Mexiko.

Für die Vielzahl von Fans, die weder ein subventioniertes Ticket erhalten noch die hohen Marktpreise bezahlen können oder wollen, bieten die Fifa und Gastgeberstädte Fanfeste an. Sie versprechen eine festivalartige Atmosphäre „mit Großbildübertragungen, interaktiven Angeboten und täglichem Unterhaltungsprogramm“, wie es heißt. Der Eintritt ist in den meisten Fällen kostenlos, setzt jedoch eine vorherige Reservierung voraus. Inzwischen werden diese Reservierungen auf dem Sekundärmarkt gehandelt – teilweise zu denselben Preisen wie in der New Yorker Ticket-Lotterie.
Der Reiz der Fanfeste liegt auf der Hand. Denn sie sind das, was einem Erlebnis im Stadion am nächsten kommt. Besucher:innen benötigen in der Regel ein Ticket, können die Spiele gemeinsam mit anderen Fans verfolgen und zusätzliche Unterhaltungsangebote nutzen. Eigene Speisen und Getränke dürfen jedoch nicht mitgebracht werden. Die Preise für Verpflegung sind ähnlich hoch wie in den Stadien selbst. Viele Begegnungen werden in reinen Stehbereichen verfolgt, auch wenn an einigen Standorten noch Sitzplätze zu Preisen erhältlich sind, die sich am günstigsten Stadioneintritt orientieren.

Fans aus Boston müssen am Spieltag im Gillette-Stadion mit Kosten von rund 80 Dollar für Hin- und Rückfahrt rechnen. Obwohl die Stadionkapazität dieselbe ist wie an einem normalen Spieltag der Football-Liga NFL, hat sich der Preis gegenüber den üblichen 20 Dollar vervierfacht. Ein Zugticket von New York zum MetLife-Stadion – das gemäß FIFA-Vorgaben während des Turniers als „New York/New Jersey Stadium“ heißen muss – kostet an spielfreien Tagen 12,90 Dollar. Während der Weltmeisterschaft steigt derselbe Fahrpreis für Ticketinhaber auf 105 Dollar. Das liegt zwar unter den ursprünglich vorgesehenen 150 Dollar, ist aber immer noch ein Vielfaches des Normalpreises.
Zur Senkung von 150 auf 105 Dollar trug unter anderem ein Vertrag der staatlichen Verkehrsgesellschaft NJ Transit mit dem Lieferdienst DoorDash bei, dessen Werbung künftig die Züge schmückt. Hintergrund dieser Preispolitik sind Haushaltsdefizite und eine marode Infrastruktur – womit viele Verkehrsunternehmen in den USA zu kämpfen haben. Stark erhöhte Fahrkartenpreise an Spieltagen werden von Verantwortlichen daher als Möglichkeit betrachtet, zusätzliche Einnahmen zur Deckung von Betriebs- und Sicherheitskosten zu erzielen.
Die Kleinstadt Foxborough bei Boston, wo sich das Gillette-Stadion befindet, wiederum legte sich öffentlich mit der FIFA an. Das Städtchen verweigerte zunächst die für die Austragung der Spiele erforderlichen Genehmigungen, bis die Finanzierung zusätzlicher Sicherheitsmaßnahmen sichergestellt war – letztlich ebenfalls über private Partnerschaften.

Zum Preis von 375 Dollar bietet die FIFA Fans ein offizielles WM-Erinnerungs-Trikot an. Die Summe entspricht dem Preis für ein Last-Minute-Ticket auf dem Sekundärmarkt. Die limitierten Trikots sind jeweils einer Gastgeberstadt gewidmet und greifen deren lokale Symbole und Motive auf. Sie werden jedoch weder vor Ort produziert noch tragen sie Marken örtlicher Partnerunternehmen. Erhältlich sind sie ausschließlich über die FIFA oder den Sekundärmarkt.
Dem setzt New York City eine Alternative entgegen. Die Stadt bietet eine offizielle Sonderedition für 50 Dollar an, deren Verkaufsstart lange Schlangen auslöste. Die Trikots werden in Bedford-Stuyvesant in Brooklyn von Hand gefertigt, sind in drei Farben erhältlich und werden im offiziellen NYC-Stadtshop verkauft. Das Projekt präsentiert sich als alternatives öffentlich-privates Partnerschaftsmodell und setzt auf lokale Produktion, Authentizität und Erschwinglichkeit.
Allein dass es eine Alternative zu allem gibt, was die FIFA vermarktet, darf als politischer und kultureller Erfolg für Fußballfans und Einwohner:innen verstanden werden. Viele von ihnen haben den Eindruck, dass genau jene immer mehr ausgegrenzt werden, die die WM eigentlich feiern wollen. Während des gesamten Turniers wird das New Yorker Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung gemeinsam mit Eleven Named People die FIFA unter die Lupe nehmen und die Fans, Spieler:innen und Schiedsrichter:innen in den Mittelpunkt stellen, die wegen Visa- und Einwanderungsbeschränkungen vollständig vom Turnier ausgeschlossen worden sind.
Julian Lattimore ist Projektmanager bei RLS–NYC und beschäftigt sich vor allem mit den Themen Arbeit, Rassengerechtigkeit und Wohnrecht.
Foto oben: Die Weltmeisterschaftstrophäe im Oval Office des Weißen Hauses. Offizielles Foto des Weißen Hauses von Daniel Torok