Labor Notes ist sehr viel mehr als nur eine Publikation. Das wurde mir zum ersten Mal im Mai 2025 auf der Streikkonferenz der Rosa-Luxemburg-Stiftung bei einem Referat von Keith Brower Brown klar. Er berichtete über den wiedererstarkten kämpferischen Gewerkschaftsaktivismus in den USA, das recht große Organisierungsnetzwerk, das sich um Labor Notes gebildet hatte, und das Entstehen einer ernstzunehmenden Opposition gegen Donald Trump vor dem Hintergrund, dass die Demokratische Partei ihm nichts Wirkungsvolles entgegensetzt. Labor Notes las ich seit Jahren. Doch die Dimensionen und der Anspruch des Projekts hinter dem Magazin waren aus der Ferne kaum zu erkennen. .

Ein Jahr nach der RLS-Streikkonferenz nahm ich an der alle zwei Jahre stattfindenden Labor-Notes-Konferenz in Chicago teil. Dabei erschloss sich mir, wie umfangreich diese Organisierungsinfrastruktur inzwischen geworden ist.

Labor Notes lässt sich vielleicht am besten als Medien- und Organisierungsprojekt verstehen. Es wurde 1979 von Gewerkschaftsaktivist:innen und Sozialist:innen gegründet – in einer Phase der Deindustrialisierung, tariflicher Zugeständnisse und weit verbreiteter Frustration über Gewerkschaftsbürokratie. Seither ist die Grundausrichtung von Labor Notes  bemerkenswert konstant: Basisaktivist:innen unter den Beschäftigten miteinander zu vernetzen, Organisierungskompetenzen zu vermitteln, die Demokratie an der Gewerkschaftsbasis („rank-and-file democracy“) zu stärken und eine Gewerkschaftsbewegung aufzubauen, die bereit ist, Arbeitgeber herauszufordern – und, wenn nötig, auch die eigene Führung. Mit ihrem Magazin, ihren Büchern, Workshops und Konferenzen ist Labor Notes zu einer der einflussreichsten Institutionen der amerikanischen Gewerkschaftslinken geworden. Ihr Ziel bringen viele Teilnehmer:innen mit einer einfachen Formel auf den Punkt: „wieder Bewegung in die Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung bringen“.

Labor Notes brachte im Juni rund 4.700 Basisgewerkschafter:innen, hauptamtliche Organisator:innen und Gewerkschaftsaktivist:innen aus verschiedenen Branchen zur bislang größten Konferenz in der Geschichte der Organisation zusammen. Die Konferenz findet alle zwei Jahre in Chicago statt und ist inzwischen so stark gewachsen, dass die Organisator:innen Berichten zufolge mehr als 1.000 Menschen auf eine Warteliste setzen mussten. Für zukünftige Konferenzen werde deshalb nach größeren Veranstaltungsorten gesucht, hieß es.

Mittlerweile ist Labor Notes auch ein internationales Projekt. Die Organisation veranstaltete eine regionale Labor Notes Asia-Konferenz in Taiwan, war zu erfahren. Zudem berichteten Organisator:innen über eine Partnerschaft mit dem Japanese Labor Union College sowie über die Entstehung von „Troublemaker“-Trainings in Spanien und anderen Ländern. Das bedeutet, dass Labor Notes über eine US-amerikanische Publikation und Konferenz hinausreicht und eine transnationale Organisierungsinfrastruktur aufbaut.

Mit mehr als 35 parallel stattfindenden Programmlinien war die Labor Notes-Konferenz enorm groß. Deshalb erhebt dieser Rückblick nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Ich möchte stattdessen einige der besonders umstrittenen Themen, innerorganisatorischen Debatten und Momente hervorheben, die mir besonders aufschlussreich erschienen. Meine Hoffnung ist schlicht, dass ich damit einen hilfreichen Ausgangspunkt für weitere Recherchen und praktisches Handeln schaffen kann.

Gewerkschaftliche Reformbündnisse und demokratische Erneuerung

Ein zentrales Thema der Konferenz war die Entwicklung dessen, was in den USA als „union reform caucuses“ bezeichnet wird. Diesen Zusammenschlüssen kommt gerade in den USA eine besondere Bedeutung zu. Denn viele Gewerkschaften wählen ihre zentralen Führungsgremien direkt, und außerdem haben oppositionelle Basisstrukturen wiederholt ganze Einzelgewerkschaften transformiert. Dagegen sind in Deutschland die Führungsstrukturen von Gewerkschaften stärker zentralisiert, Funktionäre werden oft nicht von der gesamten Mitgliedschaft direkt gewählt, und oppositionelle Strömungen artikulieren sich eher über Betriebsräte, Vertrauensleutestrukturen, lokale Oppositionslisten und breitere linke Netzwerke. Entsprechend sind Reformbündnisse innerhalb von Gewerkschaften in Deutschland deutlich weniger verbreitet.

Seit Jahrzehnten dient Labor Notes als Schmiede und Treffpunkt für solche Initiativen. Die „union reform caucuses“ verstehen sich nicht lediglich als oppositionelle Wahllisten, sondern fungieren als Labore für demokratische Erneuerung und die Entwicklung neuer Organisierungsstrategien. Sie dienen dem Aufbau unabhängiger Medienstrukturen, der politischen Bildungsarbeit und der Netzwerke von betrieblichen Aktivist:innen.  

Besonders sichtbar wurde diese Arbeit in den vergangenen Jahren, als das Reformbündnis United Auto Workers for Democracy (UAWD) mit seiner Kampagne „One Member, One Vote“ eine neue Regelung durchsetzen konnte: Direktwahlen für die Gewerkschaftsspitze der United Auto Workers (UAW). Entsprechend spielte das Reformbündnis eine entscheidende Rolle bei der Wahl von Shawn Fain zum Chef der Gewerkschaft. Labor Notes hat viele dieser Erfahrungen in dem Leitfaden „How to Build a Union Reform Caucus“ und dem dazugehörigen Flussdiagramm zusammengetragen.

Aus dem Material geht allerdings auch hervor, dass solche Reformzusammenschlüsse  komplex und oft widersprüchlich sind.

Die heute fünfzig Jahre alte Teamsters for a Democratic Union (TDU) hatte einen wichtigen Beitrag zur Demokratisierung der Gewerkschaft Teamsters geleistet und eine entscheidende Rolle beim Machtwechsel zugunsten einer reformorientierten Gewerkschaftsführung gespielt. Seither gestaltet sich jedoch das Verhältnis der TDU zur neuen Gewerkschaftsführung unter Sean O’Brien kompliziert. Denn O’Brien hat ungewöhnlich enge Beziehungen zu Donald Trump aufgebaut. Unter anderem trat er auf dem Parteitag der Republikaner auf, unterstützte Trumps Kandidaten für das Amt des Arbeitsministers und griff Elemente seiner Agenda in der Zollpolitik auf. Diese Manöver haben viele linke Gewerkschafter:innen zutiefst aufgebracht und zur Entstehung neuer oppositioneller Strömungen wie Teamsters Mobilize beigetragen.

Noch im vergangenen Jahr stimmte eine Mehrheit der UAWD-Mitglieder für die Auflösung des Reformbündnisses, nachdem dessen Leitungsgremium den Schritt empfohlen hatte. Auslöser waren Meinungsverschiedenheiten über das Verhältnis zur Führung um Shawn Fain, über innergewerkschaftliche Demokratie sowie über die Rolle politischer Themensetzungen in der Organisierungsarbeit. Die Mehrheit gründete UAW Member Action, das sich auf betriebliche Organisierung und Tarifkampagnen konzentriert. Die Gegner:innen der Auflösung organisieren sich weiterhin unter dem Namen UAWD sowie über die Plattform The Daily Struggle. Sie argumentieren, dass die Satzung für eine Auflösung eine Zweidrittelmehrheit verlange. Seitdem haben sie neue Ortsgruppen aufgebaut und engagieren sich in der Palästina-Solidaritätsarbeit. Sie trugen dazu bei, eine Resolution auf dem UAW-Kongress durchzusetzen, die den Ausstieg der Gewerkschaft aus ihren Beteiligungen an Israel-Anleihen forderte.

Die Erfahrungen von TDU und UAWD verweisen damit auf ein wiederkehrendes Dilemma von Reforminitiativen nach einem Wahlerfolg: Sollen sie nach der Übernahme der Gewerkschaftsführung zu einem Teil der Führung werden oder unabhängige Organisierungsstrukturen bleiben? Und wie können sie die Dynamik der Basisbewegung erhalten, die sie überhaupt erst an die Macht gebracht hat?

Amazon die Stirn bieten

Ein weiteres Thema der Labor Notes-Konferenz war Amazon. Der Gewerkschaftsautor Jonathan Rosenblum brachte die Bedeutung des Unternehmens kürzlich auf den Punkt: „Amazon ist das General Motors von heute. Was mit den Amazon-Beschäftigten geschieht – im Guten wie im Schlechten –, wird früher oder später alle Beschäftigten betreffen.“ Eine der Veranstaltungen mit dem Titel „Taking on Goliath: Tactics to Bring Amazon to Heel“ („Goliath herausfordern: Strategien, um Amazon in die Schranken zu weisen“) spiegelte diese Einschätzung wider. Beschäftigte aus Nordamerika und Europa diskutierten über Gewerkschaftswahlen, unabhängige Gewerkschaften, direkte Aktionen, Organisierung am Arbeitsplatz und Streiks im weit verzweigten Logistiknetz des Konzerns.

Die Diskussion spannte einen Bogen zwischen globalen und lokalen Perspektiven. Organisator:innen berichteten, wie sie in Logistikzentren, Verteilstationen, Luftfrachtdrehkreuzen und den Netzen der Subunternehmen Macht und Einfluss aufbauen. Zugleich forderten sie eine stärkere internationale Koordinierung und langfristig auch konzernweite Streiks entlang der globalen Lieferketten – unter anderem über Netzwerke wie Amazon Workers International (AWI).

Einige der kreativsten Strategien wurden in Spanien entwickelt. Bei einer Aktion erschienen die Beschäftigten zunächst wie gewohnt zur Arbeit und legten die Arbeit gezielt während der Spitzenzeiten der Produktion nieder. Dadurch verzögerte sich die Abfertigung von mehr als vierzig Lastwagen – mit erheblichen Auswirkungen auf den Betriebsablauf. Die Beschäftigten entzogen ihre Arbeitskraft also nicht einfach, sondern genau in dem Moment, in dem das Unternehmen am anfälligsten war. Das Beispiel führte eindrücklich vor Augen, dass Kreativität und strategisches Timing mitunter ebenso wichtig sein können wie die Zahl der Beteiligten. Eine Herausforderung besteht darin, solche Aktionsformen in größerem Maßstab umzusetzen.

Mehr noch als einzelne Aktionsformen war es die Möglichkeit, Erfahrungen über Ländergrenzen hinweg auszutauschen, die besonders hervorstach. Eine Organisatorin von Labor Notes sprach von der größten Zusammenkunft von Amazon-Beschäftigten und Organizer:innen, die es bislang gegeben hat. Mehr als 250 Menschen nahmen daran teil. Insgesamt machte das Treffen deutlich, wie stark sich die grenzüberschreitende Organisierung bei Amazon entwickelt hat – zugleich aber auch, dass die dafür notwendige internationale Infrastruktur im Aufbau begriffen ist.

Mai 2028 und die Debatte über neue Phasen des Klassenkampfs

Der Aufruf, Tarifauseinandersetzungen und landesweite Streiks auf den 1. Mai 2028 auszurichten – ein Vorschlag, den die United Auto Workers (UAW) und ihr Präsident Shawn Fain bereits 2023 gemacht hatten –, war ein weiteres wiederkehrendes Thema der Konferenz.

Das Podium „From May 2026 to May 2028: Seasons of Class Struggle“ nahm die fast eine Million Menschen zählende Mobilisierung in Minnesota am 23. Januar in den Blick. Bei dem Streik- und Aktionstag „No Work, No School, No Shopping“ war der Abzug der Beamten der Einwanderungs- und Zollbehörde ICE aus dem Bundesstaat gefordert worden. Außerdem ging es um die landesweiten Maidemonstrationen und Aktionen, die Zehntausende auf die Straße gebracht hatten.

Das Podium befasste sich schließlich damit, wie Gewerkschaften versuchen, die Laufzeiten von Tarifverträgen aufeinander abzustimmen und damit den nötigen Rückhalt für groß angelegte Streikaktionen im Mai 2028 zu schaffen. Dies wird entscheidend sein, damit der von Fain und der UAW 2023 formulierte Aufruf Realität wird. Allein die Tatsache, dass solche Gespräche überhaupt stattfinden, ist bemerkenswert. Die Vorstellung koordinierter, branchenübergreifender Streiks auf nationaler Ebene mag weiterhin unrealistisch erscheinen, doch sie prägt inzwischen die strategischen Debatten wichtiger Strömungen in der US-Gewerkschaftsbewegung.

Internationale Solidarität und strategische Debatten

Weitere bemerkenswerte Veranstaltungen widmeten sich der internationalen Solidarität.

Organisator:innen der polnischen Basisgewerkschaft Arbeiterinitiative (Inicjatywa Pracownicza) berichteten über ihre internationalen Organisierungsforen und grenzüberschreitenden Strategien. Vertreter:innen der International Transport Workers‘ Federation (ITF) sowie von Micelio ROJO – einer 2024 gegründeten mexikanischen Organisation zur Unterstützung unabhängiger und demokratischer Gewerkschaftsbewegungen – diskutierten ebenfalls Möglichkeiten einer stärkeren internationalen Zusammenarbeit.

Die Wortmeldungen aus dem Publikum fielen häufig ausgesprochen kritisch aus. Mehrere Teilnehmer:innen bezeichneten das Solidarity Center des AFL-CIO, den internationalen Arm des US-Gewerkschaftsdachverbands, ausdrücklich als Verlängerung der US-Außenpolitik und imperialer Macht. Die Kritik am Solidarity Center war nahezu einhellig. Einige forderten sogar seine Auflösung. In der Debatte ging es weniger um die Bewertung seiner Geschichte als um die Frage, welche Formen internationaler Gewerkschaftssolidarität an seine Stelle treten sollten.

Netzwerke, Institutionen und neue Strömungen

Auch die zahlreichen informellen Treffen rund um die Konferenz machten deutlich, wie breit und vielfältig das Labor-Notes-Netzwerk inzwischen aufgestellt ist.

Ein wiederkehrendes Thema war die Organisierung von Beschäftigten in der Gig-Economy.  Die jüngsten gesetzlichen Erfolge taiwanischer Lieferarbeiterinnen zeigten, wie selbst vergleichsweise kleine, aber gut organisierte und schlagkräftige Gruppen politischen Wandel erzwingen können. Dagegen machten Debatten über die Organisierung von Uber-Fahrer*innen in den USA gegensätzliche strategische Einschätzungen sichtbar: Stärken Reformen die Macht der Beschäftigten oder untergraben sie diese?

Besonders stark vertreten waren Beschäftigte aus der Tech-Branche. In einem Meetup mit mehr als 100 Teilnehmer:innen – organisiert von der Tech Workers Coalition und den Communication Workers of America (CWA) – ging es um Strategien zur Organisierung des Technologiesektors sowie um gemeinsame Antworten auf Künstliche Intelligenz und Überwachung am Arbeitsplatz. Viele verwiesen auf die für Mitte Oktober geplante Konferenz Circuit Breakers in New York als wichtigen nächsten Schritt.

Die Democratic Socialists of America und das von ihnen mitgetragene Emergency Workplace Organizing Committee traten ebenfalls deutlich in Erscheinung. Ihre After-Party brachte Hunderte Teilnehmer:innen zusammen und war geprägt von Geschichten über jüngste Erfolge: die fortlaufende Rekrutierung sogenannter „Salts“ über Jobmessen – also Aktivist:innen, die gezielt in Betriebe einsteigen, um das gewerkschaftliche Organizing von innen heraus voranzutreiben –, die Unterstützung einer entsprechenden Kampagne bei Wells Fargo sowie den jüngsten erfolgreichen Kampf gegen Avelo Airlines, nachdem die Fluggesellschaft einen Vertrag mit ICE zur Durchführung von Abschiebeflügen abgeschlossen hatte.

Neben diesen stärker politisch oder branchenspezifisch ausgerichteten Gruppen machte die Konferenz auch deutlich, wie ausgesprochen heterogen das Umfeld von Labor Notes ist.

Long Haul Magazine und Notes from Below veranstalteten gemeinsam einen offenen Abend, der wegen des großen Andrangs bis auf die Straßen Chicagos hinausreichte. Die große Resonanz deutete auf ein erneutes Interesse an Traditionen hin, die die Erfahrungen von Beschäftigten selbst zur Grundlage von Analyse und Organisierung machen (workers´ inquiry bzw. militante Untersuchung) und die Transformation der Arbeit sowie Klassenzusammensetzung  in den Mittelpunkt stellen.    

Jane McAlevey und alternative Organizing-Ansätze

Die Arbeit der inzwischen verstorbenen Jane McAlevey hat die Debatte über gewerkschaftliche Organisierung in Deutschland maßgeblich geprägt und genießt nach wie vor große Anerkennung. Deshalb war ich aus meiner deutschen Perspektive überrascht, wie differenziert, respektvoll und offen auf der Labor-Notes-Konferenz von manchen Organizern über die Grenzen ihrer Methodologie diskutiert wurde.

Aus den Reihen von Labor Notes wurde immer wieder auf Bücher wie Secrets of a Successful Organizer, A Troublemaker’s Handbook und Ellen David Friedmans neu erschienenes Keep Going: A Guide to Organizing When It’s Hard als zentrale Organizing-Handbücher. Friedman selbst erklärte, ihr Buch setze sich mit einigen der Grenzen und Herausforderungen auseinander, die die Organisierungspraxis mit sich bringt.

In Gesprächen mit langjährigen Labor-Notes-Organisator:innen wurde die Kritik konkreter. Einige argumentierten, McAleveys Ansatz sei in Teilen zu schematisch und zu stark auf hauptamtliche Organizer:innen ausgerichtet; in bestimmten Situationen könne er sogar einen „manipulativen“ Charakter annehmen.

Ein erfahrener Organizer meinte, McAleveys Betonung der Agitation könne mitunter Emotionen hervorrufen, die für Organisierungsprozesse wenig hilfreich seien. Zudem könnten stark strukturierte Organisierungsgespräche, die auf konkrete Zusagen abzielten, es Beschäftigten erschweren, Nein zu sagen. Manche Organizer:innen, die diese Methoden anwandten, hätten sogar berichtet, dass Kolleg:innen ihnen deshalb aus dem Weg gingen.

Viele dieser kritischen Einwände griffen ausdrücklich oder indirekt auf Traditionen zurück, die mit Myles Horton, Ella Baker und Paulo Freire verbunden sind. Dort werden die kollektive politische Entwicklung, emanzipatorische Bildung und Beziehungen als Räume gemeinsamen Lernens und demokratischer Selbstermächtigung hervorgehoben – statt nur als Wege, um Menschen auf ein bestimmtes Engagement festzulegen. Ein Organizer argumentierte darüber hinaus, eine übermäßige Konzentration auf Einzelgespräche verdecke Marx‘ Verständnis des Menschen als grundsätzlich soziales und gemeinschaftliches Wesen, dessen politische Entwicklung sich im kollektiven Handeln vollzieht.

Bemerkenswert war auch, dass solche Debatten inzwischen international geführt werden. Genoss:innen aus Japan berichteten, sie hätten kürzlich ein Werk von Myles Horton ins Japanische übersetzt. Ob man diese Einwände nun für überzeugend hält oder nicht – sie machten Denkrichtungen und Organisierungstraditionen sichtbar, die in den deutschen Diskussionen über Gewerkschaftsarbeit häufig im Hintergrund bleiben.

Umgang mit KI – Strategie ungeklärt   

Bei einer Konferenz dieser Größe entgeht einem zwangsläufig manches. Der Vollständigkeit halber: ich konnte nur an einer von drei Veranstaltungen zum Thema KI teilnehmen. Angeboten waren Workshops zu KI und guter Arbeit, zu Tarifverhandlungen und Technologie sowie zu den Lieferketten der Halbleiterindustrie. In der Veranstaltung über Tarifpolitik wurde die beeindruckende Datenbank Negotiating Tech des UC Berkeley Labor Center vorgestellt. Sie katalogisiert Hunderte technologiebezogene Klauseln aus Tarifvereinbarungen und gibt Gewerkschaften Werkzeuge an die Hand, um auf den technologischen Wandel reagieren zu können.

Aus meiner Sicht wirkten diese Diskussionen jedoch noch vergleichsweise fragmentiert. Statt eines kohärenten strategischen Konzepts im Umgang mit KI begegnete ich einer Reihe durchaus anspruchsvoller, aber weitgehend defensiver und branchenspezifischer Ansätze, die sich auf Tarifverhandlungen, Schutzregelungen und die Abfederung negativer Folgen konzentrierten. Die Debatte schien noch im Entstehen begriffen. Eine gemeinsame Vorstellung davon, wie Gewerkschaftsbewegungen mit KI umgehen, sie demokratischer Kontrolle unterziehen oder ihr entgegentreten könnten, hatte sich noch nicht herausgebildet. Da ich mich derzeit selbst mit KI und gewerkschaftlichem Organizing beschäftige, gehörte gerade dieses Fehlen einer gemeinsamen Strategie für mich zu den bemerkenswertesten und zugleich ernüchterndsten Erkenntnissen der Konferenz.

Bleibende Eindrücke

Einige Teilnehmende erinnerten sich an frühere Konferenzen als Momente des Aufbruchs, beflügelt von einer Reihe erfolgreicher Streiks. Diesmal war die Stimmung eine andere. Eine spürbare Dringlichkeit lag in der Luft.

Und doch sind es nicht die Plenarsitzungen mit Tausenden Teilnehmer:innen, die mir am stärksten in Erinnerung geblieben sind. Es sind die Gespräche: mit langjährigen Eisenbahnern, Lehrerinnen, Amazon-Beschäftigten, Tech-Arbeiterinnen, Lieferfahrern und Menschen, die als Organizer dort tätig sind, wo gewerkschaftliche Organisierung aussichtslos erscheint – in neu gegründeten Non-Profit-Organisationen, unter Beschäftigten im Homeoffice oder in Arbeitsfeldern ohne gewerkschaftliche Tradition und Präsenz.  

Ich traf Grafikdesignerinnen und Softwareentwickler, die für Gewerkschaften arbeiten, ebenso wie Menschen mit Berufsbildern, zu denen mir keine Kurzbezeichnung einfällt. Die Vielfalt an dargebotenen Erfahrungen, Fähigkeiten und politischen Traditionen war überwältigend. Zugleich entstand der Eindruck, dass all diese Strömungen – einige alt, andere völlig neu – auf irgendeine Weise zusammenliefen.

Es fühlte sich an, als würde sich hier ein möglicher Weg für die Zukunft der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung abzeichnen. Man konnte erahnen, dass diese Methoden, diese Kämpfe und diese Menschen genau die Art von Macht aufbauen, die wir brauchen. Und dass wir eines Tages auf Zusammenkünfte wie diese zurückblicken als wichtige Bezugspunkte auf einem Weg zu einer Welt, die heute noch unerreichbar scheint.

Wenn Labor Notes eines deutlich gemacht hat, dann dies: Eine solche Welt entsteht nicht von selbst, sondern wird geduldig aufgebaut: durch Konferenzen, Caucuses (Basiszusammenschlüsse), Veröffentlichungen, Schulungen, Freundschaften und die zahllosen Beziehungen, in denen Beschäftigte sich als Teil von etwas Größerem begreifen.


Aaron Niederman stammt aus Chicago und arbeitet als Forscher und Organizer, heute mit Sitz in Berlin. Als Promotionstipendiat der Rosa-Luxemburg-Stiftung beschäftigt er sich mit der Frage, wie KI und digitale Tools im gewerkschaftlichen Organizing eingesetzt werden können.

Dieser Beitrag ist Teil der Reihe von Berichten der Rosa-Luxemburg-Stiftung über die Labor-Notes-Konferenzen. Der Bericht von der Konferenz von 2024 ist hier verfügbar.

Foto: Joe Brusky / Labor Notes