September 24, 2025

Eine Überarbeitung der UN-Charta ist überfällig

Saul Kenny

Nach 80 Jahren ist das Versprechen, die UN-Charta zu erneuern, noch immer nicht erfüllt. Es ist endlich an der Zeit, es einzulösen.

Artikel 109, eine neue Koalition, die diese Woche im Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung in New York offiziell startete, setzt sich für eine Überarbeitung des Gründungsdokuments der Vereinten Nationen ein.

Der Multilateralismus befindet sich in einer Krise.

Die internationale Zusammenarbeit befindet sich im freien Fall; viele Länder versäumen es, bei wichtigen Fragen zusammenzuarbeiten, während wir in eine Ära der Auseinandersetzungen und Konfrontationen gleiten.

Die Vereinten Nationen steht im Zentrum der Gefährdung des Multilateralismus: Die Invasion der Ukraine, der Völkermord in Gaza und die Verwüstung im Sudan sind Symptome ihrer gescheiterten internationalen Friedens- und Sicherheitsarchitektur. Die Klimakrise spitzt sich weiter zu, neue Technologien verändern ungeregelt unsere Gesellschaften, und die globalen wirtschaftlichen Ungleichheiten nehmen zu – alles ohne angemessene internationale Reaktion.

Vielleicht ist das der Grund, warum die neue Präsidentin der UN-Generalversammlung Annalena Baerbock anstelle von Feierlichkeiten zum 80-jährigen Bestehen der UNO die Mitgliedstaaten dringend dazu aufforderte, Reformen voranzutreiben.

Aber das ist aufgrund der gegenwärtigen Konzeption UN sehr schwer. Wenn ihre grundlegenden Mängel nicht behoben werden, sind Reformbemühungen zwecklos. Ein Weg, die Grundlagen des internationalen Systems anzugehen, könnte ein bisher ungenutzter Überprüfungsmechanismus sein, der in der UN-Charta zu finden ist.

Die UN-Charta ist ihr Grundgesetz, das die internationalen Beziehungen regelt. Sie umreißt die Prinzipien, die das Zusammenwirken der Staaten bestimmen, darunter die Wahrung des Friedens, die Vermeidung von Kriegen und die Förderung eines harmonischen Zusammenlebens.

Die Unterzeichnung der UN-Charta im Jahr 1945 war ein historischer Schritt für die Menschheit: Sie vereinte die Nationen in dem Bestreben, künftige Generationen vor der „Geißel des Krieges” zu bewahren. Als die Charta unterzeichnet wurde, war der Zweite Weltkrieg noch im Gange, die Atombombe war noch nicht abgeworfen worden und die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte musste noch ausgearbeitet werden.

Nur fünfzig Länder waren bei der Unterzeichnung der Charta im Anschluss an die Konferenz von San Francisco anwesend. Im Jahr 1945 lag die Macht noch immer „in den Händen der Kolonialherren“ – mit einem Vetorecht, das den fünf Großmächten der damaligen Zeit gewährt wurde. Heute hat die UNO 193 Mitgliedstaaten, von denen viele kein Mitspracherecht bei der Festlegung der Spielregeln hatten.

In der Erkenntnis, dass sich die Welt im Laufe der Zeit verändern würde, und als Zugeständnis an die vielen Länder, die gegen das Vetorecht der fünf ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrats waren, nahmen die Verfasser der UN-Charta Mechanismen zu ihrer Überprüfung auf.

Dazu gehört Artikel 109 der UN-Charta, der eine Konferenz zur Überprüfung der Charta mit der Unterstützung von zwei Dritteln der Generalversammlung und beliebigen neun Mitgliedern des Sicherheitsrats vorsieht. Jeder Mitgliedstaat hat bei der Überprüfungskonferenz eine Stimme.

Das „Versprechen von San Francisco“ lautete, dass diese Konferenz innerhalb von zehn Jahren nach Unterzeichnung der UN-Charta stattfinden sollte, um über die damals neue internationale Organisation zu reflektieren und sie bei Bedarf zu verbessern. Dieses Versprechen ist bis heute nicht erfüllt worden.

Und wenn die Verfasser der UN-Charta der Meinung waren, dass sie zehn Jahre nach ihrer Unterzeichnung aktualisiert werden müsse, dann gilt das doch wohl erst recht nach acht Jahrzehnten?

Genau dafür setzt sich eine neue Initiative – Artikel 109 – ein. Angesichts des Zusammenbruchs eines multilateralen Systems, das in einer vergangenen Ära aufgebaut wurde, und in Anlehnung an diesen Reformweg mobilisiert diese neue internationale Koalition die 193 UN-Mitgliedstaaten, um die UN-Charta zu erneuern und gleichzeitig ein Netzwerk von Organisationen der Zivilgesellschaft aufzubauen, um dieses Vorhaben zu unterstützen.

Dieser Weg gewinnt zunehmend an Dynamik.

Auf der UN-Generalversammlung im letzten Jahr forderte der brasilianische Präsident Lula da Silva eine „umfassende Überprüfung” der UN-Charta, und später im Jahr 2024 schlossen sich Indien und Südafrika dieser Forderung Brasiliens an. Der kasachische Präsident Tokayev ist der bislang letzte Staatschef, der auf der diesjährigen Generalversammlung eine Überprüfung der Charta gefordert hat.

Bei der offiziellen Vorstellung von Artikel 109 in New York unterstützten auch die ehemaligen Staats- und Regierungschefs Helen Clark, Alexander De Croo und Mary Robinson die Forderung nach einer Erneuerung der Charta.

Von der Premierministerin Mottley aus Barbados bis zum ukrainischen Präsidenten Selenskyj – diese konkreten Forderungen nach einer umfassenden Überprüfung der UN-Charta kommen inmitten der weltweiten Erkenntnis, dass die UNO einer Modernisierung bedarf.

Die Frage der Reform der Vereinten Nationen ist daher nicht eine Frage des Ob, sondern des Wann und Wie.

Es gibt berechtigte Bedenken hinsichtlich der Abhaltung einer Überprüfungskonferenz. Würde dies inmitten der geopolitischen Polarisierung zu einer Schwächung der Charta führen? Aber „dies ist nicht der richtige Zeitpunkt“ wird seit 1955 als Ausrede verwendet. Und der inklusive Charakter der Konferenz kann Rückschritten entgegenwirken: Zwei Drittel der UN-Mitglieder sowie die fünf ständigen Mitglieder des Sicherheitsrats müssen die aktualisierte Charta ratifizieren, damit sie in Kraft treten kann. Ohne diese Unterstützung bleibt die derzeitige Charta bestehen.

Wir müssen ehrlich sein: Selbst wenn der Prozess Risiken mit sich bringt, birgt der derzeitige Weg größere Risiken. Wir können entweder einen unbekannten Weg in Richtung globaler Konflikte und Katastrophen weitergehen – oder die Art und Weise, wie wir weltweit zusammenarbeiten, überdenken, um grundlegende Prinzipien zu bekräftigen und uns gleichzeitig auf ein neues Governance-System für das 21. Jahrhundert zu einigen.

Der Wert dieser Konferenz sollte ebenfalls nicht als selbstverständlich angesehen werden: Sie bietet Ländern und der Zivilgesellschaft die Gelegenheit, zusammenzukommen und über die Zukunft des Multilateralismus und die Architektur zu diskutieren, die wir benötigen, um Frieden und Sicherheit, die Klimakrise und künstliche Intelligenz sowie andere Themen auf kontrollierte, transparente und inklusive Weise effektiv und gerecht zu regeln.

Antonio Gramscis oft zitierter Satz fängt den Zeitgeist ein: „Die alte Welt stirbt, und die neue hat Mühe, geboren zu werden; jetzt ist die Zeit der Monster.“ Inmitten der Monster unserer geopolitischen Ära dürfen wir uns nicht davor fürchten, zusammenzukommen, um uns auf die Grundlagen eines neuen internationalen Systems zu einigen.

Artikel 109 der UN-Charta bietet einen Weg, dies zu tun.

UN officials, ambassadors, and civil society leaders joined Article 109’s launch reception in New York to discuss pathways for renewing multilateralism. (September 22, 2025)

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“Artikel 109” dankt der Rosa-Luxemburg-Stiftung für die Ausrichtung des Empfangs. „For Nothing is Fixed: Explore a Pathway to Reimagine Multilateralism“ brachte UN-Offizielle, Botschafter*innen, Aktivist*innen, Journalist*innen und ehemalige Staats- und Regierungschef*innen zusammen, um ihre Unterstützung für diese neue Initiative zur Erneuerung der UN-Charta zu bekunden.


Saul Kenny ist Kommunikationsmanager von Artikel 109.


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